10 | 12 | 2018
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Bernhardinerkirche

Bernhardinerkirche. Foto: Cora Dietl
Zusammen mit der St. Anna Kirche bildet die Bernhardinerkirche in der Maironio Straße ein Ensemble, das heute wie zur Zeit seiner Errichtung im 15. Jahrhundert als ein Schmuck- und Prunkstück der litauischen Backsteingotik gilt. Von außerordentlicher Bedeutung sind im Innenraum die spätmittelalterlichen Fresken an der Nordwand (u.a. eine Darstellung der Kreuzigung Christi und der Legende des Hl. Franziskus), Reste einer ehemaligen vollständigen Ausmalung der Kirche, sowie das reich verzierte gotische Strn- und Netzgewölbe.

Die Geschichte der Franziskaner in Vilnius und die Baugeschichte der Kirche

Der Franziskanerorden ist bereits in den frühesten Dokumenten, in denen die Stadt Vilnius erwähnt ist, dokumentiert: Im Jahr 1321 brüstet sich Gediminas, den Franziskanerorden nach Vilnius geholt und eine Franziskanerkirche errichten lassen zu haben. Diese erste franziskanische Mission war aber offensichtlich wenig erfolgreich: Zur Zeit des Algirdas, des Sohns Gedimins, wurden sieben franziskanische Missionare jenseits in Vilnius getötet: ein in der Literatur wiederholt verarbeitetes Motiv. Die drei Kreuze im Kalnų-Park gedenken ihrer.
Die Bernhardiner (Franziskaner-Observanten) kamen in der Mitte des 15. Jahrhunderts als Missionare nach Litauen. Das erste Bernhardinerkloster in Vilnius wurde, unterstützt durch den Jagiellonen Kasimir, im Jahr 1469 gegründet. Die erste Kirche der Bernhardiner in Vilnius, dem Hl. Bernhard von Siena geweiht, war ein Holzbau, der 1475 einem Brand zum Opfer fiel. Um 1490 wurde sie durch einen Ziegelbau ersetzt, der allerdings aufgrund von Konstruktionsfehlern bereits 1500 teilweise wieder abgerissen werden musste. Allein die Sakristei aus dem 15. Jh. ist bis heute erhalten geblieben. Der Wiederaufbau der Kirche – die jetzt dem Hl. Franziskus geweiht wurde – erfolgte in den Jahren 1506–1516, unterstützt durch die Familie Radzwill und den Großherzog von Litauen; einer der Architekten, die Alexander Jagiello für den Bau aus Danzig nach Vilnius holte, war Michael Enckinger.
Durch Stadtbrände in den Jahren 1560 und 1564 wurde die Innenausstattung der Kirche völlig vernichtet. Stefan Bartory, Nikolaus Christophorus Radziwill u.a. setzten sich 1577 für die Renovierung ein. Die Arbeiten zogen sich bis zur Mitte des 17. Jh. hin; bald nach 1600 wurde auch der Friedhof des Klosters unter dem Einfluss einer neuen Passionsfrömmigkeit umgestaltet und u.a. ein Kalvarienberg errichtet. Nach erneuter Zerstörung (durch die Armee der Muskowiter 1655–1661) und erneutem Wiederaufbau 1676 der Kirche wurde sie dem Hl. Franziskus und dem Hl. Bernhard geweiht. Die Innenausstattung der Kirche und die Altäre der Kirche wurden mehrfach ausgetauscht. Im Zuge der Renovierungen von 1773–81 ist schließlich das eindrucksvolle Christus-Fresko an der Fassade angebracht worden.
Im August 1864 wurde das Kloster geschlossen, die Kirche wurde zur Gemeindekirche. Mit dem Bau einer Straße (der heutigen Maironio Straße) 1869/70 wurden der Garten des Bernhardinerklosters und der Friedhof weitgehend zerstört; durch den Bau des Glockenturms 1872 wurde das Äußere des Ensembles entscheidend verändert. In diesem veränderten Zustand haben es die meisten Dichter, die über die Bernhardinerkirche schreiben, wahrgenommen.
Im Jahr 1949 wurde die Kirche geschlossen, stand zunächst leer, wurde zuerst der Kunstakademie von Vilnius übergeben, dann in ein Warenhaus umgewandelt. Erst 1994 sind die Franziskaner in die Bernhardinerkirche zurückgekehrt. Allmählich begann eine umfassende Renovierung der Kirche und v.a. der Fresken.

Die Bernhardinerkirche als literarischer Ort

Das Kloster besaß von Anfang an literarische und kulturwissenschaftliche Bedeutung: Es war als Missions- und Ausbildungskloster eingerichtet und deshalb wurde ab dem 15. Jahrhundert besonderer Wert auf das Skriptorium und die Bibliothek gelegt. Im frühen 16. Jahrhundert soll es kein katholisches Kloster gegeben haben, das eine größere Bibliothek besaß als die Bernhardiner in Vilnius. Von 1671 bis 1781 verfügten die Franziskaner außerdem über eine eigene Druckerei, in der v.a. theologische und religiöse Literatur und Übersetzungsliteratur verlegt wurde.
Als Missionskloster suchte das Bernhardinerkloster den Dialog mit den anderen Konfessionen und mit den Lateinunkundigen. Bischof Georgius Radziwill erteilte den Bernhardinern 1586 das Privileg, Protestanten und Orthodoxe in die Kirche zuzulassen. Die Bernhardiner predigten auch auf Litauisch; daher ist der älteste handschriftlich überlieferte Text auf Litauisch eine Predigt der Bernhardiner.
In der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts und insbesondere in der Reiseliteratur aus der Zeit des Ersten Weltkriegs steht die gotische Bernhardinerkirche, oft mit der St-Anna-Kirche als Einheit gesehen, für ein glanzvolles deutsches Mittelalter, das sich positiv von dem mit Ressentiments behafteten Litauischen abhebt. Arnold Zweig stellt sie in eine „Kette“ von Kirchen verschiedener Konfessionen, die nicht nur an eine vergangene Größe der „heruntergekommenen“ Stadt erinnern, sondern als synästhetische Kunstwerke auch die Hoffnung auf ein Wiedererwachen der Kultur durch die Schönheit der Kunst und auf ein friedlichen Nebeneinander der verschiedenen Kulturen nähren. Einen Fixpunkt bildet für ihn dabei das Christusbild an der Fassade der Bernhardinerkirche.
Auch in der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts dient die Bernhardinerkirche als Erinnerungsort vergangener Größe: Sie erinnert bei Milosz an die Frühzeit des christlichen Litauens, an die Vorgängerkirche zur Zeit Gedimins, als das Land noch dem Deutschen Orden trotzte; Jan Nagrabiecki erinnert an den Neid Napoleons ob der Schönheit des gotischen Ensembles. Die Schönheit des Baus steht bei Nagrabiecki noch hinter dem Klang der Orgel zurück. Diese, Sinnbild der Kunst, erscheint ihm noch mächtiger als die Gebete der Gemeinde. Sie verbindet sich mit der Gewalt der Natur, der „reißenden“ Vilnia hinter der Kirche, die dem Fremden standhält. Generell betonen die polnischen Dichter des 20. Jh. die Verbindung der Bernhardinerkirche zur Natur. So dient sie (genauer: die Bernhardinergasse) bei Łopalewski der Erinnerung an die Zeit Mickiewicz’ und an eine verlorene Harmonie zwischen Natur und Kunst, während der Bernhardiner-Garten (der heutige Sereikiškių-Park) für Karpinowicz ein Ort der Ruhe und des Friedens zwischen Mensch und Natur ist.
Die moderne litauische Literatur knüpft oft individuelle Emotionen an die Bernhardinerkirche. So ruft in Jurgis Kuncinas' Roman "Tula" der trutzige Bau der Kirche Erinnerungen des Protagonisten an seine Geliebte wach.
Literaturhinweise:
Janonienė, Ruta: Bernardine Church Vilnius. Ins Engl. übers. v. Vytautė Olekaitė. Vilnius o.D.
Venclova, Tomas: Vilnius. 5. Aufl. Vilnius 2008, S. 124–127.
Bildquelle:
Bernhardinerkirche, © Cora Dietl, 2011.
Verfasst von: Cora Dietl
[freigegeben zur Übersetzung]