10 | 12 | 2018
Sprachauswahl
Sortieren nach...
Login Form

Ghettotor (Kleines Ghetto)

Blick in die Gaonstraße an der Stelle, wo sich das Tor zum Kleinen Ghetto befand

Die Lehrerin Mira

[…]
Das jüdische Viertel versperrt jetzt ein Tor,
ganz frisch gezimmert, noch warm kommt es vor.
Ein Strom sind die Kinder, ins Stauwehr gezwungen –
Ein Tor tut sich auf und sie werden verschlungen.

Sie hasten durch Trümmer, in Kälte und Not,
doch Bleistift und Buch sind jetzt Wärme und Brot.
Die Kinder versammeln sich in den Ruinen,
die Lehrerin Mira lernt weiter mit ihnen.

Aus Sholem Alejchem liest sie ihrer Schar,
sie strahlen, die Kinder, und lachen sogar.
Sie flicht blaue Bänder mit ein in die Zöpfe
Und zählt: hundertdreißig gesegnete Köpfe.
[…]
Aus Perets, vom „dritten Geschenk“ liest man vor,
da brechen die Häscher herein durch das Tor.
Sie treiben zusammen. Am Morgen geblieben
Von einhundertdreißig sind Mira und sieben.
[…]

(28.Mai 1943)

(Sutzkever in Comans 2009, 123 f.; Strophen 4-6, 14)

 

Das Tor des Kleinen Ghettos an der Gaon-Straße findet in Abraham Sutzkevers Gedicht nur in zwei Strophen Erwähnung, spielt unterschwellig allerdings eine sehr zentrale Rolle. Es „verschlingt“ die Kinder am Anfang des Gedichts und deren Anzahl wird immer niedriger. In der 14. Strophe „brechen die Häscher herein durch das Tor“ - zum letzten Mal bevor das Kleine Ghetto liquidiert wird. Es wird herausgestellt, dass das Tor und dessen Öffnung stets eine Verschleppung (und Ermordung) der Ghettobewohner zur Folge hat. Es wird ein Bild vom Ghettotor als Höllenschlund evoziert, der die Menschen allerdings schon am Anfang verschluckt und dem man nicht entfliehen kann, im Gegenteil: sein Auftun bewirkt jedes Mal nur noch mehr Grauen.

Heutzutage ist das Tor des Kleinen, wie das des Großen Ghettos, nicht mehr vorhanden; an dessen Standort befindet sich eine Tafel mit einem Straßenplan des Ghettos (auf dem Bild oben: Tor zum Kleinen Ghetto).

Die Tafel am Standpunkt des Tors des Kleinen Ghettos

 

Literaturhinweis:

Sutzkever, Abraham: Die Lehrerin Mira. In: Peter Comans (Hrsg): Geh über Wörter wie ein Minenfeld. Lyrik und Prosa. Frankfurt 2009. S. 123 f.

Bildquelle:

Diana Moor, 2011.

 

Verfasst von: Diana Moor